Der ultimative Guide zur Ibanez Lawsuit Era: Mythen, Modelle und die goldene Ära der japanischen Gitarren
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Die sogenannte Ibanez Lawsuit Era gehört zu den spannendsten, faszinierendsten und gleichzeitig meistdiskutierten Kapiteln der modernen Gitarrengeschichte. In den 1970er-Jahren begann eine Phase, in der japanische Hersteller elektrische Gitarren produzierten, die den berühmten amerikanischen Klassikern von Gibson und Fender nicht nur verblüffend ähnlich waren, sondern diesen qualitativ oft gefährlich nahe kamen. Besonders die Marke Ibanez, hinter der das japanische Traditionsunternehmen Hoshino Gakki stand, wurde zu einem zentralen Akteur dieser rasanten Entwicklung.
Gitarren aus dieser Zeit sind heute unter Sammlern, Vintage-Fans, Studio-Profis und tourenden Musikern äußerst beliebt. Viele Gitarristen sind absolut überrascht, wenn sie zum ersten Mal eine gut erhaltene Ibanez aus dieser Ära in die Hand nehmen und spielen: Die Verarbeitung ist oft hervorragend, die verwendeten Hölzer und Materialien sind hochwertig, und der Klang überzeugt selbst die anspruchsvollsten Spieler.
Doch was genau verbirgt sich eigentlich hinter dem dramatisch klingenden Begriff Lawsuit Era (zu Deutsch: Prozess- oder Klage-Ära)? Warum entstanden diese exakten Kopien überhaupt? Welcher Mythos umgibt den berüchtigten Rechtsstreit wirklich? Und weshalb gelten diese Gitarren heute als absoluter Geheimtipp für Liebhaber von Vintage-Instrumenten?
Dieser ausführliche Artikel beleuchtet die gesamte Geschichte der Ibanez Lawsuit Era. Wir erklären die wahren Hintergründe des berühmten Rechtsstreits, zeigen die wichtigsten und begehrtesten Modelle, tauchen tief in die Hardware und Tonabnehmer jener Zeit ein und erklären, warum diese japanischen Instrumente heute eine so dominierende Rolle in der Vintage-Gitarrenwelt spielen.

Die frühe Geschichte von Ibanez: Von Spanien in das Herz Japans
Die Geschichte von Ibanez beginnt erstaunlicherweise lange, bevor elektrische Gitarren überhaupt erfunden wurden oder populär werden konnten. Der eigentliche Ursprung der Marke liegt weit zurück im Jahr 1908. Damals wurde das japanische Unternehmen Hoshino Gakki in Nagoya gegründet. Ursprünglich war Hoshino Gakki jedoch kein Hersteller von Instrumenten, sondern eine florierende Buchhandlung, die sich zunehmend auf den Import von Notenblättern und später auch von Musikinstrumenten spezialisierte.
In den 1920er- und 1930er-Jahren importierte das Unternehmen vor allem klassische Akustikgitarren aus Spanien nach Japan, da die Nachfrage nach westlichen Instrumenten im Land der aufgehenden Sonne stetig wuchs. Besonders beliebt und geschätzt waren dabei die meisterhaft gefertigten Instrumente des renommierten spanischen Gitarrenbauers Salvador Ibáñez.
Diese Gitarren genossen nicht nur in Europa, sondern bald auch in Japan einen ausgezeichneten Ruf für ihre makellose Handwerkskunst und ihren resonanten Klang. Als die Werkstatt des spanischen Gitarrenbauers während des Spanischen Bürgerkriegs zerstört wurde und die Firma später ihre Produktion endgültig einstellte, stand Hoshino Gakki vor einem Problem: Die Nachfrage war weiterhin da, aber der Lieferant fehlte.
Die findigen Japaner entschieden sich kurzerhand, die Instrumente selbst herzustellen und den klangvollen Namen "Ibanez" (zunächst noch als "Ibanez Salvador") aus Respekt vor den Originalen und aus Marketinggründen weiterhin zu verwenden. So entstand der Markenname, der Jahrzehnte später weltbekannt werden sollte.
In den ersten Jahrzehnten konzentrierte sich Ibanez vor allem auf:
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Klassische Konzertgitarren
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Einfache akustische Gitarren
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Traditionelle Mandolinen und andere Saiteninstrumente
Elektrische Gitarren spielten in dieser frühen Phase der Unternehmensgeschichte noch absolut keine Rolle.
Der Beginn der elektrischen Gitarrenproduktion: Der "Eleki-Boom"
Erst in den 1960er-Jahren begann Ibanez zögerlich damit, elektrische Gitarren zu entwerfen und zu produzieren. Die weltweite Musiklandschaft hatte sich zu dieser Zeit radikal verändert. Der Siegeszug des Rock ’n’ Roll in den 50ern und später der sogenannte "Beat Boom" der 60er-Jahre machten die E-Gitarre zum begehrtesten Instrument der Jugend. Bands wie The Beatles, The Rolling Stones, The Shadows und in den USA The Ventures prägten eine völlig neue Generation von Musikern.
In Japan lösten instrumentale Surf-Rock-Bands (insbesondere The Ventures) einen gigantischen Hype aus, der in Japan als "Eleki-Boom" in die Geschichte einging. Jeder Jugendliche wollte plötzlich eine elektrische Gitarre spielen. Die E-Gitarre wurde zum ultimativen Symbol für Freiheit, Rebellion und diese aufregende neue Musik.
Zu dieser Zeit dominierten vor allem zwei riesige amerikanische Hersteller den weltweiten Markt:
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Fender (mit revolutionären Solidbody-Designs und geschraubten Hälsen)
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Gibson (mit traditioneller Handwerkskunst, eingeleimten Hälsen und Humbuckern)
Ihre ikonischen Modelle – die Stratocaster, die Telecaster, die Les Paul oder die SG – wurden zu echten Meilensteinen der modernen Musikgeschichte. Für japanische Hersteller wie Hoshino Gakki lag es daher aus rein wirtschaftlicher Sicht nahe, sich bei ihren ersten eigenen E-Gitarren stark an diesen erfolgreichen Designs zu orientieren, anstatt das Rad völlig neu zu erfinden.
Die allerersten elektrischen Ibanez-Gitarren aus den 1960er-Jahren waren oft noch recht eigenwillig. Sie hatten viele Schalter, seltsame Geometrien und orientierten sich eher grob an europäischen Marken wie Hagström, Eko oder Burns sowie an amerikanischen Budget-Marken wie Teisco oder Harmony. Doch das sollte sich in den frühen 70er-Jahren drastisch ändern.
Die japanische Gitarrenindustrie wächst zur Weltmacht heran
In den späten 1960er- und besonders in den frühen 1970er-Jahren begann Japan, sich in atemberaubendem Tempo zu einem der wichtigsten und qualitativ hochwertigsten Zentren der weltweiten Gitarrenproduktion zu entwickeln. Das Label "Made in Japan", das nach dem Zweiten Weltkrieg oft noch als Synonym für billiges Blechspielzeug galt, wandelte sich zu einem Gütesiegel für High-Tech und Präzisionsarbeit.
Mehrere entscheidende Faktoren spielten bei diesem rasanten Aufstieg eine Rolle:
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Deutlich niedrigere Lohn- und Produktionskosten im Vergleich zu den USA
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Die schnelle Adaption modernster industrieller Fertigungstechniken (CNC-Fräsen, präzise Lackieranlagen)
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Eine traditionell tief verwurzelte, extrem hohe handwerkliche Arbeitsmoral und Liebe zum Detail
Die japanischen Hersteller erkannten schnell, dass sie Instrumente bauen konnten, die deutlich günstiger auf dem Markt angeboten werden konnten als die teuren amerikanischen Originale – und das, ohne dabei massiv an Qualität einzubüßen. Im Gegenteil: Die Qualität stieg von Jahr zu Jahr an.
Zu den wichtigsten und einflussreichsten japanischen Gitarrenmarken dieser Zeit gehörten:
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Ibanez (Hoshino Gakki)
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Greco (Kanda Shokai – eng verwandt mit Ibanez)
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Tokai
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Aria / Aria Pro II
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Burny / Fernandes
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Yamaha
Es ist wichtig zu verstehen, dass Marken wie Ibanez oft keine eigenen Fabriken besaßen. Hoshino Gakki war der Auftraggeber und Vertreiber. Die eigentlichen Gitarren wurden in hochspezialisierten Großfabriken gebaut. Die drei legendärsten Fabriken dieser Zeit waren:
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Fujigen Gakki (Der wichtigste Partner von Ibanez)
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Matsumoku (Berühmt für Aria, Epiphone Japan und exzellente Holzarbeiten)
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Terada (Spezialisten für Semi-Hollow und akustische Instrumente)

Diese Fabriken entwickelten sich in den 70er-Jahren zu echten Epizentren des modernen Gitarrenbaus und zogen später sogar die Aufträge der großen amerikanischen Marken an Land.
Die berühmten Gitarrenkopien der 1970er-Jahre: Der Klon-Krieg beginnt
In den frühen 1970er-Jahren begannen Fujigen und andere japanische Fabriken im Auftrag von Ibanez damit, Gitarren zu produzieren, die den amerikanischen Originalen von Gibson, Fender und Rickenbacker fast bis aufs Haar glichen.
Diese Instrumente wurden in der Fachpresse und unter Musikern oft schlicht als „Kopien“, „Clones“ oder „Replikas“ bezeichnet. Dabei ging es den japanischen Konstrukteuren nicht mehr nur um grobe Ähnlichkeiten wie noch in den 60er-Jahren. Die Ingenieure kauften amerikanische Originale, zerlegten sie in ihre Einzelteile, vermaßen sie millimetergenau und übernahmen nahezu jedes noch so kleine Detail.
Typische und besonders gefragte Beispiele aus dem Ibanez-Katalog dieser Zeit waren:
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Les-Paul-Kopien (Standard, Custom, Deluxe)
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Stratocaster-Kopien
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Telecaster-Kopien
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SG-Kopien (inklusive Double-Neck-Versionen à la Jimmy Page)
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ES-335-Kopien (Semi-Hollowbodies)
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Flying V und Explorer Modelle
Diese Gitarren sahen zum Teil so extrem identisch aus, dass sie auf den ersten, flüchtigen Blick auf einer dunklen Bühne kaum vom Original zu unterscheiden waren. Selbst die Logos auf der Kopfplatte wurden so gestaltet, dass das "Ibanez" Logo aus der Entfernung dem Schriftzug "Gibson" ähnelte (das sogenannte "Spaghetti-Logo").
Die Evolution der Kopien: Von Schraubhals zu Leimhals
Man muss die Kopien der 70er-Jahre in zwei Phasen unterteilen.
Die frühen Kopien (ca. 1970 bis 1974) sahen zwar aus wie Gibson Les Pauls, hatten aber oft geschraubte Hälse (Bolt-on), Pressspan-Decken (Plywood) unter dem Furnier und einen Hohlraum unter der Decke (Chambered). Sie waren gut, aber technisch noch weit vom Original entfernt.
Die späten Kopien (ca. 1975 bis 1977) waren jedoch echte Meisterwerke. Hier begann Ibanez (bzw. Fujigen), massive Mahagoni-Korpusse zu verwenden, Ahorndecken aus Vollholz aufzuleimen und die Hälse wie beim Original traditionell einzuleimen (Set-Neck). Genau diese Instrumente aus der Mitte der 70er sind es, die den Mythos der Lawsuit Era begründen, da sie qualitativ plötzlich mit dem Original konkurrierten.
Warum diese exakten Kopien überhaupt entstanden
Die Entstehung dieser nahezu perfekten Gitarren-Klone war kein bloßer Zufall, sondern das Ergebnis mehrerer wirtschaftlicher und kultureller Umstände, die perfekt ineinandergriffen.
1. Die gigantische Nachfrage nach klassischen Designs
Viele junge Musiker wollten genau die Gitarren spielen, die ihre Idole wie Eric Clapton, Jimmy Page, Jimi Hendrix oder Keith Richards auf den großen Bühnen der Welt verwendeten. Doch die amerikanischen Originale waren für den durchschnittlichen Musiker sündhaft teuer. Eine Gibson Les Paul Custom oder eine Fender Stratocaster konnte damals problemlos mehrere Monatsgehälter eines Arbeiters kosten. Für Schüler und Studenten waren sie schlicht unerreichbar. Die japanischen Hersteller erkannten diese massive Lücke im Markt und boten eine optisch identische, gut spielbare Alternative zu einem Bruchteil des Preises.
2. Die Qualitätsprobleme bei den amerikanischen Platzhirschen
In den 1970er-Jahren befanden sich viele der legendären amerikanischen Gitarrenfirmen in einer extrem schwierigen Phase, die von Kennern oft als die "dunklen Jahre" bezeichnet wird.
Gibson war von dem Großkonzern Norlin aufgekauft worden (die sogenannte Norlin-Ära), und Fender war bereits 1965 in den Besitz des Medienriesen CBS übergegangen (CBS-Ära).
Diese Konzerne wurden von Buchhaltern geführt, nicht von Gitarrenbauern. Sie konzentrierten sich stark auf Kostensenkung und rücksichtslose Massenproduktion. Die Folge: Hölzer wurden schwerer, Qualitätskontrollen wurden laxer, Spaltmaße ungenauer und die allgemeine Qualität schwankte massiv. Eine in den USA gebaute Gitarre aus den 70ern war oft ein Glücksspiel. Die japanischen Hersteller nutzten genau diese Schwächephase eiskalt aus und produzierten Instrumente, deren Verarbeitungsqualität die der damaligen amerikanischen Originale teilweise deutlich übertraf.
3. Effizientere Produktionsmethoden
Die japanischen Fabriken waren extrem modern und effizient organisiert. Sie nutzten fortschrittliche Werkzeuge und konnten Instrumente deutlich günstiger, aber mit einer erschreckend hohen Konstanz herstellen. Dadurch waren ihre Gitarren für Fachhändler weltweit enorm attraktiv, da sie hohe Margen bei glücklichen Kunden versprachen.
Der Ursprung des Begriffs „Lawsuit Era“: Mythos vs. Realität
Der legendäre Begriff Lawsuit Era umweht heute fast jede japanische Gitarre aus den 70er-Jahren wie ein mystischer Schleier. Doch was passierte damals rechtlich wirklich? Entstanden die heutigen Designs, weil Ibanez von Gibson in Grund und Boden geklagt wurde? Die Realität ist weitaus spezifischer (und etwas unspektakulärer), als es die wilden Foren-Legenden im Internet oft behaupten.
Der Begriff entstand durch einen sehr realen Rechtsstreit zwischen der Norlin Corporation (der damaligen Muttergesellschaft von Gibson) und der Elger Company (dem damaligen amerikanischen Vertriebspartner von Hoshino/Ibanez, ansässig in Bensalem, Pennsylvania).
Dieser entscheidende Rechtsstreit fand im Sommer 1977 statt (die Klageschrift wurde am 28. Juni 1977 am Federal District Court in Philadelphia eingereicht).
Gibson hatte festgestellt, dass Ibanez-Gitarren (und ihr US-Vertrieb) extrem erfolgreich waren. Das Hauptärgernis für Gibson war jedoch nicht zwingend die Korpusform der Gitarren, sondern ein ganz spezifisches Detail: Die Form der Kopfplatte.

Ibanez nutzte das sogenannte „Open Book Headstock“-Design (die obere Kante der Kopfplatte, die aussieht wie ein aufgeschlagenes Buch). Diese spezifische Fräsung hatte Gibson sich als geschütztes Markenzeichen (Trademark) eintragen lassen. Gibson argumentierte, dass dieses Design markenrechtlich geschützt sei und Kunden durch die Kopien bewusst in die Irre geführt würden (Trademark Infringement).
Was bei der Klage tatsächlich passierte
Der wohl größte Mythos der Lawsuit Era ist, dass es zu einem epischen, jahrelangen Gerichtsprozess kam, der die japanische Gitarrenindustrie in die Knie zwang. Die Wahrheit ist: Es gab nie ein gerichtliches Urteil.
Interessanterweise ging es in diesem Rechtsstreit, wie erwähnt, juristisch primär um die Kopfplattenform, nicht um die Les-Paul-Korpusform an sich. Der Konflikt wurde extrem schnell und geräuschlos außergerichtlich beigelegt.
Ein amüsanter Twist der Geschichte: Zu dem Zeitpunkt, als Norlin/Gibson die Klage einreichte (Mitte 1977), hatte Hoshino Gakki die Produktion der exakten Kopien mit der Gibson-Kopfplatte bereits von sich aus eingestellt! Hoshino hatte den Ärger kommen sehen und bereits Ende 1976 für den Exportmarkt neue, eigene Kopfplatten-Designs eingeführt (zunächst ein Design, das stark an Guild-Gitarren erinnerte, später das typische Ibanez-Design der späten 70er).
Das bedeutete, dass die Modelle, gegen die Gibson eigentlich klagte, zum Zeitpunkt der Klage in Japan für den US-Markt gar nicht mehr produziert wurden. Ibanez willigte außergerichtlich ein, die alte Kopfplattenform nicht mehr in den USA anzubieten, und der Fall war erledigt. (Hinweis: Fender hat in dieser Ära im Übrigen niemals gegen Ibanez geklagt – der Begriff "Fender Lawsuit" ist historisch nicht korrekt).
Trotz dieses unspektakulären Endes prägte das Ereignis die Musikwelt. Der Begriff Lawsuit Era blieb hartnäckig bestehen und wird heute im allgemeinen Sprachgebrauch liebevoll für nahezu alle hochwertigen japanischen Gitarrenkopien aus den frühen bis späten 1970er-Jahren verwendet.
Die begehrtesten Ibanez Modelle der Lawsuit Era
Ibanez produzierte und vertrieb während dieser hochproduktiven Zeit eine schier unüberschaubare Anzahl verschiedener Modelle. Wer alte Ibanez-Kataloge aus den Jahren 1973 bis 1977 durchblättert, fühlt sich wie im Paradies. Hier ist eine detaillierte Übersicht der wichtigsten und heute am meisten gesuchten Modellreihen.
Die Les-Paul-Kopien (The "Custom Agent" & Co.)
Die mit Abstand bekanntesten und am intensivsten diskutierten Ibanez-Gitarren dieser Ära sind zweifellos die Kopien der Gibson Les Paul. Sie richteten sich sowohl an Anfänger (mit geschraubten Hälsen) als auch an absolute Profis (mit eingeleimten Hälsen ab ca. 1975).
| Modellbezeichnung | Inspiration / Original | Spezifische Merkmale |
| Ibanez 2350 | Gibson Les Paul Custom | Oft geschraubter Hals, Block-Inlays, Gold-Hardware. Der absolute Bestseller der frühen 70er. |
| Ibanez 2351 | Gibson Les Paul Standard | Trapez-Inlays, oft mit wunderschönen Sunburst-Lackierungen. |
| Ibanez 2368 | Gibson Les Paul Custom (3 PU) | Ausgestattet mit drei Humbuckern (ähnlich der "Black Beauty" von Peter Frampton). |
| Ibanez 2402 | Gibson EDS-1275 | Die legendäre Double-Neck (6- und 12-saitig), berühmt geworden durch Jimmy Page. |
| Ibanez 59'er (2372) | Gibson Les Paul | Spätere Modelle (ab '76), die extrem hochwertig mit Set-Neck gefertigt wurden. |
Typische Eigenschaften der hochwertigen (späten) Modelle:
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Massiver Mahagoni-Body (oft aus mehreren Teilen perfekt zusammengefügt)
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Gewölbtes Ahorn-Top (Carved Maple Top)
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Zwei leistungsstarke Humbucker-Tonabnehmer (oft die legendären Maxon Super 70s)
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Stabile Tune-o-matic Bridge und Stop-Tailpiece
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Die umstrittene "Open Book" Kopfplatte (bis Anfang 1977)
Die Stratocaster- und Telecaster-Kopien ("Challenger" und "Silver Series")
Auch wenn Fender Ibanez nie verklagt hat, waren die Kopien von Fender-Instrumenten ein riesiger Markt. Ibanez produzierte zahlreiche Strat- und Tele-ähnliche Modelle, die heute oft wegen ihrer hervorragenden Hälse geschätzt werden.
Diese Gitarren hatten meist:
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Drei (bzw. zwei) bissige Single-Coil Pickups, gefertigt von Maxon
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Ein funktionales Vintage-Tremolo-System (bei den Strat-Modellen)
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Einen geschraubten Hals aus hochwertigem Ahorn (oft mit "Skunk Stripe" auf der Rückseite)
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Die exakte Kopfplattenform der Fender Originale
Die spätere "Silver Series" (ab Ende 1977) gilt qualitativ als einer der besten Fender-Nachbauten der damaligen Zeit und bereitete den Weg für spätere Marken wie Squier.
Die Semi-Hollow und Jazz-Gitarren
Neben Solidbody-Rockgitarren bewies Fujigen auch im anspruchsvollen Bau von halbakustischen Instrumenten immense Fähigkeiten. Diese orientierten sich an den Modellen der Gibson ES-Serie (ES-335, ES-175).
Bekannte Modelle sind:
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Ibanez 2355 (Exakte Kopie der ES-175, der Traum vieler Jazz-Gitarristen)
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Ibanez 2363 / 2459 (Wunderschöne ES-335 Nachbauten)
Diese Instrumente werden heute von Profimusikern im Jazz-, Blues- und Indie-Bereich extrem geschätzt, da sie im Gegensatz zu Solidbodies aufgrund des Alters und der eingetrockneten Hölzer oft eine unvergleichliche akustische Resonanz entwickelt haben.
Das Herzstück der Instrumente: Die legendären Maxon Tonabnehmer
Ein Thema, das oft übersehen wird, aber für den fantastischen Sound der Lawsuit-Era-Gitarren elementar wichtig ist, sind die verbauten Tonabnehmer (Pickups). Ibanez wickelte diese nicht selbst, sondern bezog sie von dem japanischen Elektronikspezialisten Maxon (Nisshin Onpa).
Maxon leistete Mitte der 70er-Jahre brillante Ingenieursarbeit. Sie sezierten originale Gibson "PAF" Humbucker aus den 1950ern und entwickelten eigene Tonabnehmer, die heute unter Kennern Legendenstatus genießen:
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Super 70s: Diese Humbucker verwendeten Alnico VIII Magnete. Sie hatten einen artikulierten, extrem klaren, aber dennoch warmen und durchsetzungsfähigen Sound. Berühmtheit erlangten diese Tonabnehmer, als bekannt wurde, dass ein junger Eddie Van Halen einen Super 70s Pickup in seine allererste "Frankenstrat" baute, um den Sound auf dem ersten Van Halen Album aufzunehmen!
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Super 80s ("Flying Fingers"): Diese Tonabnehmer kamen etwas später auf den Markt, waren oft in Epoxidharz eingegossen, um Feedback zu vermeiden, und besaßen auffällige Kappen mit der Gravur eines geflügelten Fingers. Sie lieferten mehr Output für härteren Rock.

Die Bedeutung der Fujigen Fabrik für die globale Gitarrenwelt
Ein entscheidender Faktor für die konstant hohe Qualität und den bis heute anhaltenden Erfolg vieler Ibanez-Gitarren war die Fujigen Gakki Fabrik in der Präfektur Nagano.
Diese Fabrik entwickelte sich in den 1970er-Jahren durch den massiven Output an Ibanez-Gitarren zu einer der wichtigsten, modernsten und fähigsten Gitarrenproduktionsstätten der Welt. Die Handwerker bei Fujigen lernten durch das Kopieren amerikanischer Designs extrem schnell und perfektionierten die Arbeitsabläufe.
Das Fachwissen wuchs so stark an, dass in den 1980er-Jahren sogar die amerikanischen Original-Hersteller bei Fujigen anklopften! Fujigen produzierte später hochoffiziell Instrumente für:
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Fender Japan (Die JV-Serie von Fender Japan aus den 80ern stammt von Fujigen und ist legendär!)
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Greco (Der direkte japanische Konkurrent, eng mit Ibanez verflochten)
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Orville / Epiphone (Die offiziellen Gibson-Lizenzen für den japanischen Markt)
Fujigen war und ist bis heute berühmt für:
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Extrem präzise Holzbearbeitung und perfekt sitzende Hals-Korpus-Übergänge
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Hauchdünne, makellose Lackierungen
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Exakte Bundierung ("Fretwork"), die tiefe Saitenlagen ohne Schnarren ermöglichte
Viele Musiker sind noch heute regelrecht schockiert, wie gut selbst Standard-Gitarren aus dieser Fabrik verarbeitet sind und wie mühelos sie sich spielen lassen.
Der historische Wandel: Vom Kopisten zum Innovationsführer
Der juristische Warnschuss von Gibson im Jahr 1977 erwies sich rückblickend als das absolut Beste, was Ibanez jemals passieren konnte. Der Rechtsstreit zwang das Unternehmen dazu, die eigene Komfortzone zu verlassen. Anstatt weiterhin auf das Know-how der Amerikaner zu vertrauen, begann Ibanez massiv in die Entwicklung eigener, revolutionärer Designs zu investieren.
Ein enorm wichtiger erster Schritt war die Einführung der Ibanez Artist (AR) Serie. Diese Double-Cutaway-Gitarren hatten zwar noch klassische Elemente (Mahagoni-Body, Ahorn-Decke, Humbucker), besaßen jedoch bereits eine völlig eigenständige Form, fortschrittliche Elektronik (wie den "Tri-Sound" Schalter) und eine Verarbeitungsqualität, die Gibsons damaliges Line-up oft in den Schatten stellte. Gitarristen wie Carlos Santana (später mit PRS berühmt) spielten intensiv modifizierte Artist-Modelle.
Gleichzeitig experimentierte Ibanez mit radikalen Formen. Modelle wie die Ibanez Iceman (berühmt gemacht von Paul Stanley von KISS) oder die Ibanez Destroyer (gespielt von Phil Collen von Def Leppard und Eddie Van Halen) zeigten, dass die Japaner nun bereit waren, Trends zu setzen, anstatt sie nur zu kopieren.

Dieser Drang zur Innovation legte den Grundstein für den globalen Siegeszug der Marke in den 1980er-Jahren. Ibanez kooperierte eng mit modernen Gitarristen (wie Steve Vai oder Joe Satriani) und entwickelte schließlich Modelle, die die Rock- und Metal-Welt für immer veränderten. Dazu gehören die superflachen, schnellen Modelle, die bis heute Bestseller sind:
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Ibanez JEM (Steve Vais Signature-Modell)
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Ibanez RG (Der Standard für modernen Metal)
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Ibanez Saber (S-Serie) (Ultradünne, ergonomische Bodies)
Ohne das handwerkliche Fundament, das Ibanez während der Lawsuit Era durch das Studium der alten Klassiker erlangte, wären diese modernen Shred-Maschinen niemals entstanden.
Warum Lawsuit Era Gitarren heute so begehrt und beliebt sind
In den letzten zwei Jahrzehnten hat das Interesse an japanischen Vintage-Gitarren ("MIJ" - Made in Japan) explodiert. Die Preise auf dem Gebrauchtmarkt steigen kontinuierlich. Dafür gibt es mehrere triftige Gründe:
1. Der echte Vintage-Charakter
Gitarren aus den 1970er-Jahren sind heute fast 50 Jahre alt. Sie haben sich den echten Vintage-Status redlich verdient. Das bedeutet:
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Das Holz ist über Jahrzehnte getrocknet und extrem gut eingeschwungen (was zu mehr Sustain und Resonanz führt).
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Die Lacke haben oft natürliche Risse gebildet ("Weather Checking"), was optisch grandios aussieht.
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Jedes Instrument trägt den historischen Hintergrund einer rebellischen Ära in sich.
2. Der immense Sammlerwert
Einige Modelle aus der Lawsuit Era sind mittlerweile weltweit gesuchte Sammlerstücke geworden. Besonders wertvoll und hochpreisig gehandelt werden Gitarren mit:
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Originaler Maxon-Hardware und unverbastelter Elektronik
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Der originalen "Open Book" Gibson-Style Kopfplatte (Pre-1977)
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Seltenen Farben oder exotischen Hölzern
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Dem sogenannten eingeleimten "Set-Neck" (im Gegensatz zu geschraubten Hälsen bei Les Pauls)
3. Ein unschlagbares Preis-Leistungs-Verhältnis
Trotz der steigenden Preise gilt: Im direkten Vergleich zu Vintage-Instrumenten von Gibson oder Fender aus den späten 60ern oder 70ern (die oft im hohen vier- bis fünfstelligen Bereich gehandelt werden), sind viele Lawsuit-Era Ibanez-Gitarren noch relativ erschwinglich (oft zwischen 600 und 1500 Euro, je nach Modell und Zustand). Dadurch bieten sie Musikern oft ein signifikant besseres Preis-Leistungs-Verhältnis für eine waschechte Vintage-Gitarre.
Kaufberatung: Wie erkennt man eine Ibanez Lawsuit Era Gitarre?
Der Gebrauchtmarkt kann unübersichtlich sein. Da viele Kopien in den 70ern nicht gelabelt wurden oder Labels abfielen, ist es manchmal schwer, ein Original auszumachen. Hier sind die wichtigsten Hinweise, die auf eine authentische Ibanez aus dieser Zeit hindeuten:
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Seriennummern: Früh in den 70ern nutzte Ibanez oft noch gar keine Seriennummern. Ab Mitte 1975 wurden sie auf die Halsrückseite geprägt (z.B. ein Buchstabe für den Monat und zwei Zahlen für das Jahr: A76 = Januar 1976).
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Die Kopfplatte und Logos: Achte auf das alte Ibanez-Logo. Die frühen Modelle (bis ca. '75) haben oft ein eckigeres Inlay. Danach kam das perlmuttartige "Spaghetti"-Logo zum Einsatz. Ab Mitte '77 verschwand die "Open Book" Gibson-Kopfplatte und wurde durch die asymmetrische, eigene Ibanez-Form (oder die Guild-Style Form) ersetzt.
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Pickups: Wenn du die Gitarre aufschraubst, suche auf der Rückseite der Humbucker nach "Maxon" Stempeln oder Zahlen-Codes. Ein Code wie "25117" würde auf Maxon (2), 1975 (5), November (11) und den 7. Tag hindeuten.
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Halsverschraubung: Bei frühen Modellen findet man oft eine Metallplatte mit "Made in Japan" oder "Steel Adjustable Neck" Einprägung auf der Rückseite, wo der Hals verschraubt ist.
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Alte Kataloge: Die beste Quelle zur Identifikation sind die digitalisierten Ibanez-Kataloge von 1971 bis 1977, die man glücklicherweise kostenlos auf verschiedenen Fan-Websites im Internet durchstöbern kann.
Fazit: Warum die Ibanez Lawsuit Era so legendär ist
Die Ibanez Lawsuit Era markiert nicht nur eine juristische Fußnote, sondern einen der wichtigsten Wendepunkte in der gesamten Geschichte der elektrischen Gitarre. In dieser goldenen Phase der frühen bis späten 1970er-Jahre bewiesen japanische Hersteller wie Fujigen unter der Flagge von Ibanez eindrucksvoll, dass sie Instrumente bauen konnten, die es qualitativ spielend mit den teuren und legendären amerikanischen Originalen aufnehmen konnten.
Die unschlagbare Kombination aus:
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hervorragender, konstanter handwerklicher Verarbeitung,
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den geliebten klassischen Vintage-Designs
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und äußerst attraktiven Preisen
machte diese Gitarren damals extrem erfolgreich und veränderte den Weltmarkt für immer. Es war ein Weckruf an die amerikanische Industrie, sich wieder auf Qualität zu fokussieren.
Gleichzeitig war es die Geburtsstunde von Ibanez als ernstzunehmender, eigenständiger Gitarrenbauer. Ohne das technische Lernen durch das Kopieren während der Lawsuit Era gäbe es heute keine JEM, keine RG und keine Artist-Serie. Heute sind diese Instrumente ein absolut faszinierendes Stück greifbare Gitarrengeschichte. Sie sind für viele tourende Musiker, Studio-Gitarristen und Sammler eine hervorragende und voll einsatzfähige Alternative zu den oft unbezahlbaren Vintage-Instrumenten aus den USA.
Wer sich für Vintage-Gitarren, die Faszination japanischer Handwerkskunst oder einfach nur für großartig klingende klassische Designs interessiert, sollte sich unbedingt näher mit der Ibanez Lawsuit Era beschäftigen. Denn diese wunderbaren Gitarren zeigen bis heute eindrucksvoll, wie globale Innovation, harter Wettbewerb und pure handwerkliche Leidenschaft die Gitarrenwelt für immer nachhaltig geprägt haben.