Orville Guitars: Die ultimative Retrospektive – Geschichte, Specs und der Mythos Gibson Japan
In der Welt der High-End-Gitarren gibt es Namen, die bei Kennern sofort für leuchtende Augen sorgen. Während Gibson USA die Legende begründete, gibt es ein Kapitel, das für viele Gitarristen die perfekte Symbiose aus Tradition und kompromissloser Fertigungspräzision darstellt: Orville. Wer heute eine Gitarre sucht, die den Geist der 1950er und 60er Jahre atmet, landet oft bei den Instrumenten, die zwischen 1988 und 1998 in Japan gefertigt wurden.
In diesem umfassenden Guide beleuchten wir alles, was du über Orville und "Orville by Gibson" wissen musst. Wir räumen mit Mythen auf, analysieren die Fabriken und erklären, warum diese Gitarren heute wertvoller sind denn je.
1. Die Geburtsstunde einer Legende: Warum Orville?
Um zu verstehen, warum Gibson überhaupt eine Produktion in Japan autorisierte, muss man in die späten 70er Jahre zurückblicken. Japanische Hersteller wie Tokai, Greco, Burny und Fernandes hatten begonnen, Gibson-Modelle so exakt zu kopieren, dass sie im direkten Vergleich oft besser abschnitten als die Originale aus der damaligen Norlin-Ära. Gibson steckte in einer Qualitätskrise, während die Japaner die "Golden Era" (1954–1960) akribisch studierten.
Die strategische Partnerschaft mit Yamano Gakki
Anstatt den japanischen Markt nur durch teure US-Exporte oder rechtliche Schritte zu bekämpfen, entschied sich der damalige Gibson-Eigentümer für einen klugen Schachzug. In Zusammenarbeit mit dem japanischen Vertriebsgiganten Yamano Gakki wurde die Marke Orville ins Leben gerufen – benannt nach dem Firmengründer Orville Gibson.
Der Clou: Diese Gitarren durften das offizielle "Open Book"-Headstock-Design tragen und wurden nach originalen Blueprints gefertigt. Sie waren offiziell lizensierte Gibson-Gitarren, die ausschließlich für den japanischen Binnenmarkt (Domestic Market) bestimmt waren.
2. Orville vs. Orville by Gibson (ObG)
Dies ist die wichtigste Unterscheidung für jeden Käufer. Es gab zwei parallele Produktlinien, die sich in Preis und Ausstattung unterschieden.
Die Premium-Klasse: Orville by Gibson (ObG)
Die "Orville by Gibson" Modelle waren die absolute Speerspitze. Wenn du das volle Gibson-Erlebnis suchst, ist dies die Serie deiner Wahl.
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Pickups: Hier wurden echte Gibson USA Tonabnehmer verbaut. Meistens handelt es sich um die legendären '57 Classics oder die von Bill Lawrence entworfenen "The Original" HB-R und HB-L Humbucker.
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Lackierung: Ein Großteil der ObG-Modelle (insbesondere die Reissue-Serie) wurde mit Nitrolack (Nitrocellulose) veredelt. Das lässt das Holz besser schwingen und sorgt für das begehrte Vintage-Aging.
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Bauteile: Hochwertige Elektronik, oft mit Orange Drop Kondensatoren und Switchcraft-Komponenten.
Die Standard-Klasse: Orville
Die Modelle, auf denen lediglich "Orville" auf der Kopfplatte steht, waren für den preisbewussteren Musiker gedacht, ohne dabei an der Substanz zu sparen.
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Pickups: Hier kamen hochwertige japanische Pickups zum Einsatz. Diese klingen fantastisch – oft etwas klarer und weniger "matschig" als billige Kopien –, erreichen aber nicht ganz das Fundament der US-Varianten.
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Lackierung: Hier wurde in der Regel eine dünne Polyurethan-Lackierung verwendet. Diese ist robuster und pflegetreuer, dämpft das Schwingungsverhalten aber theoretisch minimal stärker als Nitro.
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3. Die Fabriken: Wo die Magie entstand
In Japan ist die Fabrik oft wichtiger als die Marke auf dem Headstock. Orville wurde in drei wesentlichen Werken produziert.
FujiGen Gakki
FujiGen ist wohl die berühmteste Gitarrenschmiede Japans. Sie waren verantwortlich für die Ibanez-Blütezeit und die legendären JV-Squier/Fender-Modelle. Bei Orville zeichnete sich FujiGen vor allem durch die Solidbody-Modelle (Les Paul, SG) aus. Die Verarbeitungsqualität ist legendär: Bundenden, die perfekt abgerundet sind, und Halsprofile, die sich wie "nach Hause kommen" anfühlen.
Terada Gakki
Terada ist spezialisiert auf Hollowbody-Konstruktionen. Wenn du eine Orville ES-335, ES-175 oder eine Byrdland in den Händen hältst, stammt diese fast sicher aus dem Terada-Werk. Die Liebe zum Detail bei den Bindings und die akustische Resonanz dieser Gitarren sind unerreicht.
Die K-Serie: Das Geheimnis von Kanda Shokai
Gitarren mit einer Seriennummer, die mit "K" beginnt, sind oft Gegenstand von Diskussionen. Lange hielt sich das Gerücht, sie kämen aus Korea. Doch neuere Erkenntnisse und die Analyse der Bauteile deuten stark darauf hin, dass die K-Serie in Japan (unter Beteiligung von Kanda Shokai) montiert wurde. Oft wurden hier Kosteneinsparungen durch die Verwendung von Korpora aus mehreren Teilen oder das Aufkleben von optisch schöneren Riegelahorn-Furnieren (Veneers) vorgenommen. Dennoch sind sie spieltechnisch hervorragend und bieten den günstigsten Einstieg in die Orville-Welt.
4. Technische Meilensteine: Der Long Tenon
Eines der am heißesten diskutierten Merkmale unter Les Paul Enthusiasten ist der Long Tenon (der lange Halszapfen). In den 1950er Jahren reichte der Halsfuß bei Gibson weit bis in die Fräsung des Hals-Pickups hinein. Dies sorgt für eine größere Kontaktfläche zwischen Hals und Korpus, was direkt in mehr Sustain und eine stabilere Schwingungsübertragung resultiert.
Während Gibson USA in den 90ern bei den Serienmodellen auf den kürzeren "Short Tenon" umstellte, behielten die Orville by Gibson Reissue Modelle (LPR) den traditionellen Long Tenon bei. Das bedeutet: Eine Orville aus den frühen 90ern ist konstruktionstechnisch oft näher an einer '59er Burst als eine zeitgenössische Gibson USA Standard aus demselben Jahrzehnt.
5. Die verschiedenen Modelle im Detail
Orville baute fast alles nach, was im Gibson-Katalog Rang und Namen hatte.
Die Les Paul Standard & Custom
Die Les Paul ist das Flaggschiff. Besonders die Custom-Modelle (LPC) mit ihren mehrlagigen Bindings und den Ebenholz-ähnlichen Palisandergriffbrettern sind haptisch ein Genuss. Wer eine "Black Beauty" sucht, die nicht nur gut aussieht, sondern auch das Gewicht und den Punch eines Originals hat, wird hier fündig.
Die SG-Serie
Die Orville SG-62 Reissues sind bekannt für ihr extrem geringes Gewicht und das schnelle Halsprofil. Im Gegensatz zu vielen modernen SGs sind sie erstaunlich gut ausbalanciert und neigen weniger zur Kopflastigkeit.
Exoten: Firebird, Explorer und Flying V
Diese Modelle wurden in deutlich geringeren Stückzahlen produziert und sind heute gesuchte Sammlerstücke. Besonders die Firebird-Modelle mit ihren durchgehenden Hälsen (Neck-through) zeigen, auf welch hohem handwerklichem Niveau die japanischen Fabriken arbeiteten.
Bass-Modelle: Thunderbird und EB-3
Auch Bassisten kommen bei Orville auf ihre Kosten. Der Orville Thunderbird ist legendär für seinen drückenden Rock-Sound und die originalgetreue Optik, die man bei den damaligen Epiphone-Modellen oft vermisste.
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6. Holz und Materialien: Warum sie so gut klingen
Ein großer Faktor für den "Orville-Sound" ist die Qualität des verwendeten Holzes. In den 80ern und 90ern hatten japanische Hersteller Zugang zu exzellenten Beständen an Mahagoni und Ahorn.
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Mahagoni: Die Korpora bestehen meist aus afrikanischem oder honduranischem Mahagoni (je nach Serie). Das Holz ist oft leichter als das in der Norlin-Ära verwendete schwere Ahornholz-Gemisch.
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Ahorn (Maple): Während die K-Serie oft Furniere nutzt, haben die ObG und höheren Orville-Modelle massive Ahorndecken. Die "Plain Tops" sind oft wunderschön gemasert und wirken sehr authentisch.
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Griffbretter: Man findet hier oft sehr dunkles, öliges Palisander (Rosewood), das heute aufgrund von CITES-Bestimmungen bei neuen Gitarren in dieser Qualität kaum noch zu finden ist.
7. Datierung und Seriennummern: Der Code-Knacker
Die Identifikation einer Orville kann verwirrend sein. Hier ist ein Guide, um Licht ins Dunkel zu bringen:
1. Orville by Gibson (ObG)
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G + 6 Ziffern (z.B. G88xxxx): Gebaut von Terada zwischen 1988 und 1993. Die erste Ziffer nach dem G gibt das Jahr an (8 = 1988).
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Kein Buchstabe + 6 Ziffern (z.B. 210xxx): Gebaut von FujiGen ab ca. 1992. Die erste Ziffer steht für das Jahr (2 = 1992).
2. Orville (Standard)
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J + 6 Ziffern: Terada-Produktion.
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K + 6 Ziffern: Die bereits erwähnte K-Serie (Kanda Shokai). Diese haben oft ein aufgedrucktes Logo statt eines Inlays.
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Kein Buchstabe: Späte FujiGen-Modelle (ab 1993). Hier gibt die erste Ziffer das Jahr an.
8. Hardware und Elektronik: Die inneren Werte
Wenn man eine Orville öffnet, sieht man sofort den Unterschied zur Billigkonkurrenz. Die Fräsungen sind sauber, und die Abschirmung ist oft vorbildlich.
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Potis und Schalter: In den ObG-Modellen findest du meist hochwertige US-Komponenten. Bei den Standard-Modellen sind es japanische Bauteile, die jedoch extrem langlebig sind.
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Bridge und Tailpiece: Meistens Hardware von Gotoh. Gotoh ist der Goldstandard in Japan und liefert Brücken, die extrem stimmstabil und klanglich neutral sind.
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Inlays: Bei den Custom-Modellen wird oft hochwertiges Perlmutt-Imitat verwendet, das unter Bühnenlicht einen wunderschönen Schimmer erzeugt.
9. Warum jetzt eine Orville kaufen?
Der Markt für Vintage-Gitarren aus Japan (MIJ) explodiert förmlich. Es gibt mehrere Gründe, warum eine Orville gerade jetzt eine kluge Investition ist:
Die "Vintage-Lücke"
Echte 50er Jahre Gibsons sind für normale Sterbliche unbezahlbar. Gibson USA Gitarren aus den 90ern ("Good Wood Era") steigen ebenfalls stark im Preis. Orvilles besetzen genau die Nische dazwischen: Sie bieten die korrekten Specs der 50er Jahre zu einem Preis, der noch im vierstelligen Bereich liegt.
Das Spielgefühl
Wer einmal eine FujiGen-gefertigte Les Paul gespielt hat, weiß, wovon ich spreche. Die Hälse haben oft ein "Medium C"-Profil, das weder zu klobig noch zu dünn ist. Die Bundarbeit ist selbst nach 30 Jahren oft noch in einem Zustand, der nur minimales Abrichten erfordert.
Wertsteigerung
Da die Produktion 1998 eingestellt wurde, ist die Menge an verfügbaren Gitarren endlich. Jede Orville, die exportiert wird, verschwindet vom japanischen Markt und landet in festen Händen von Sammlern weltweit.
10. Die Ära nach Orville: Epiphone Elite/Elitist
1998 endete die Ära Orville. Gibson entschied sich, die japanische Produktion unter dem Namen Epiphone weiterzuführen. Zuerst als "Epiphone Japan" (noch mit dem Gibson Headstock), später als "Epiphone Elite" und schließlich "Elitist". Diese Gitarren kamen aus denselben Fabriken (FujiGen und Terada) und hatten die gleiche hohe Qualität. Doch für viele Fans bleibt die Orville-Kopfplatte das "echte" Zertifikat für eine Gibson aus Japan.
11. Modifikationen: Wie du deine Orville perfektionierst
Obwohl eine Orville ab Werk meist perfekt ist, gibt es ein paar klassische Upgrades, die viele Besitzer vornehmen:
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Elektronik-Kit: Ein Tausch der Potis gegen CTS und Kondensatoren gegen hochwertige PIO (Paper in Oil) kann den Regelweg des Volume-Potis deutlich verbessern.
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Pickups: Wer eine Standard-Orville besitzt, rüstet oft auf handgewickelte Boutique-Humbucker um, um das volle Potenzial des alten Holzes auszuschöpfen.
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Sattel: Ein Tausch des Kunststoffsattels gegen einen aus echtem Knochen verbessert die Stimmstabilität und das Sustain der Leersaiten.
12. Fazit: Ein Instrument für Individualisten
Orville Gitarren sind keine bloßen Kopien. Sie sind ein offizielles Kapitel der Gibson-Historie, das die Präzision japanischer Ingenieurskunst mit dem Erbe von Orville Gibson verbindet. Sie sind Instrumente für Musiker, die über das Logo auf der Kopfplatte hinausblicken und echte Qualität suchen.
Ob du ein Sammler bist, der eine seltene "Orville by Gibson" mit Nitrolack sucht, oder ein Player, der ein Arbeitstier für die Bühne braucht – eine Orville wird dich nicht enttäuschen. Der "Vibe" dieser Gitarren ist einzigartig: Sie fühlen sich "alt" an, im besten Sinne des Wortes. Sie haben Resonanz, Charakter und eine Seele, die man bei moderner Fließbandware oft vermisst.
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